Ostern: Raum schaffen für Neue(s)
Serie: Wir bauen mit Menschen | Bibeltext: Apostelgeschichte 2,42-47
Ostern
Es ist wohl nicht ein typisches Predigtthema zu Ostern: «Raum schaffen für Neue». Vielleicht bist du etwas überrascht, weil du etwas anderes erwartet hast?
Doch damit sind wir grad schon mitten bei Ostern! Weil den Jüngern ging es genau so. Sie hatten eine mehr oder weniger klare Erwartung gehabt, wie Jesus in Jerusalem sich als Messias würde zu erkennen geben oder gar zum neuen König einsetzen lassen würde. Einige Tage zuvor waren sie nach Jerusalem gekommen. Schon vor den Toren der Stadt war Jesus unter lautem Jubel wie ein König empfangen worden.
Doch dann kam innert Kürze alles ganz anders, als es die Jünger erwartet hatten. Statt auf den Thron kam Jesus ans Kreuz. Aus der Euphorie der Jünger wurde eine riesige Enttäuschung und sie begannen sich bereits zurück zu ziehen. An Karfreitag wurden all ihre Hoffnungen scheinbar total zerstört.
Und dann kam es gleich nochmals ganz anders, als sie es dachten. Ihre enorme Niedergeschlagenheit wurde verwandelt in riesige Freude. An Ostern erfuhren sie: Jesus ist nicht mehr bei den Toten, sondern bei den Lebenden! Er ist wahrhaftig auferstanden und lebt!
Damit beginnt der neue Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat. Etwas völlig Neues startet. Ich habe letzten Sonntag einiges zum alttestamentlichen Tempel gesagt, als Ort wo Gott gegenwärtig ist und wo die Menschen Gottes Herrlichkeit begegnen konnten. Doch mit Ostern startet der neue Bund. Durch die Auferstehung von Jesus ist die Sünde, welche uns Menschen von Gott trennt, besiegt, erledigt. Der Vorhang im Tempel ist zerrissen. Aber vor allem ist der alte Tempel hinfällig geworden. Weil im neuen Bund nun der Heilige Geist ausgegossen ist in die Herzen aller Gläubigen. Auf diese Weise wird jeder Mensch, der Jesus Christus nachfolgt, selber zu einem Tempel. In Jesus Christus war Gott auf besondere Weise in der Welt gegenwärtig, uns Menschen unglaublich nahe. Aber nun ist Gott durch den Heiligen Geist in uns gegenwärtig. Noch so viel näher! Dadurch sind alle Gläubigen ein Tempel Gottes, wo man Gott begegnen kann.
Niemand von uns muss mehr nach Jerusalem, um Gott besonders nahe zu sein. Wenn du Gott begegnen und ihm nahe sein willst, dann geh in dein Herz. Wenn du ihn in dein Leben aufgenommen hast, dann ist Gott da. Und du kannst ihm jederzeit begegnen. Das bedeutet Ostern! Gott ist uns nun noch näher, als er uns an Weihnachten nahe gekommen ist!
Und wenn du den Eindruck hast, dass Gott zu wenig in deinem Leben vor kommt, dann kannst du ihm mehr Raum in deinem Herzen, in deinem Leben schaffen. Du kannst ihn jederzeit dazu einladen. Eines der ältesten Gebet der ersten Christen ist schlicht: «Komm Heiliger Geist».
Die erste Gemeinde
Der eigentliche Beginn der Gemeinde ist ja dann erst an Pfingsten. Aber Ostern ist der Grundstein dazu gelegt worden. Wir werden nun zusammen einen Blick auf die erste Gemeinde in Jerusalem werfen. In Apostelgeschichte 2,42–47 lesen wir davon.
Wohl als erstes fällt in dem Text auf, dass vier Punkte genannt werden, welche die erste Gemeinde in Jerusalem auszeichneten.
Die Lehre der Apostel
Der erste Punkt ist die Lehre der Apostel. Mit «Apostel» sind hier die Jünger von Jesus gemeint, welche mit ihren Augen gesehen und mit ihren Ohren gehört hatten, was Jesus in den vergangenen drei Jahren gewirkt und gelehrt hatte. Ihre Autorität kam daher, dass sie Zeugen waren sowohl vom irdischen, als auch vom auferstandenen Jesus.
Die Gemeinschaft
Ein zweiter Punkt ist die Gemeinschaft oder wie es die Neue Genfer Übersetzung beschreibt, der Zusammenhalt in gegenseitiger Liebe und Hilfsbereitschaft. Im Vers 44 wird diese Gemeinschaft dann noch näher beschrieben (auch) als Gütergemeinschaft. Das heisst, dass die wohlhabenderen von ihrem Reichtum an die Bedürftigen der Gemeinde abgaben. Noch etwas später, im Kapitel 4,32 wird dann explizit gesagt:
«Die ganze Schar derer, die an Jesus glaubten, hielt fest zusammen; alle waren ein Herz und eine Seele. Nicht ein Einziger betrachtete irgendetwas von dem, was ihm gehörte, als sein persönliches Eigentum; vielmehr teilten sie alles miteinander, was sie besassen.» Apostelgeschichte 4,32 (NGÜ)
Der Gedanke, dass Wohlhabende einen Teil ihres Reichtums abgeben, um damit Arme zu unterstützen, ist etwas, das wir durch die ganze Bibel hindurch finden. Das ist also allgemein gültig. Dass aber jeglicher Besitz allen gemeinsam gehört, das findet sich so nur hier bei der ersten Gemeinde. Deshalb denke ich nicht, dass es allgemeinen Charakter hat. Für einzelne Gemeinschaften wie z.B. eine Kloster oder ein Diakonissenhaus kann es durchaus ein hilfreiches Modell sein. Aber nicht für alle Christen.
Das Brotbrechen
Der dritte Punkt wird wörtlich als «das Brechen des Brotes» bezeichnet. Damit ist das Abendmahl gemeint, welches damals im Rahmen einer Mahlzeit eingenommen wurde, so wie wir das am Donnerstag bei der Seder-Feier gemacht haben.
Das Gebet
Neben dem persönlichen Gebet in der stillen Kammer pflegte die erste Gemeinde auch das gemeinsame Gebet. Zum einen sind dabei wohl die formulierten Gebete des Gottesdienstes im Tempel gemeint. Zum anderen wohl aber auch freie gemeinsame Gebete in den Häusern.
Auf jeden Fall sehen wir, dass sich die Nachfolger von Jesus sowohl im Tempel, also öffentlich in einem besonderen Gebäude, als auch privat in den Häusern trafen. Nach dem selben Muster handelte dann später auch Paulus, wo immer er eine Gemeinde gründetet – zumindest solange sie nicht aus der Synagoge vertrieben wurden.
Dieses Zusammenkünfte waren geprägt durch Freude und durch Lobpreis. Zusammen mit den zahlreichen Wunder, welche Gott durch die Apostel wirkte, führte es dazu, das jedermann von einer tiefen Ehrfurcht vor Gott ergriffen wurde. Und beim ganzen Volk waren die ersten Christen hoch angesehen. Allerdings kippte das kurze Zeit später, als die ersten Christen durch die religiösen Führer mehr und mehr verfolgt wurden.
Doch jetzt kamen täglich neue Menschen zu der Gemeinde hinzu. Auch später, als die ersten Christen mehr und mehr verfolgt wurden, war das so. Wo Christen lebendig gemeinsam unterwegs sind, da wirkt das ganz offensichtlich anziehend!
Raum schaffen
Wir befinden uns ja in einer Predigtserie zum Thema «Wir bauen mit Menschen». Ich bin überzeugt, dort wo eine Kirche auf Jesus Christus schaut und mit Menschen baut, da wird sie auch wachsen. Doch wenn die Kirche wächst, dann braucht es Raum, Raum für die Neuen. Ich denke nicht, dass sich das die ersten Christen gross überlegt haben. Sie lebten einfach ganz praktisch und versuchten mit der Situation gut umzugehen. Auch wenn das dann später eben dazu führte, dass die Gemeinde in finanzielle Schwierigkeiten kam.
Heute ist das oft etwas anders. Viele Kirchen in unseren Breitengraden gibt es schon länger. Sie sind irgendwann mal gegründet worden, gewachsen und haben sich dann organisiert. Aber dann stellt sich irgendwann die Frage: Wollen wir als Gemeinde «Nachwuchs»?
Das ist ein wenig wie bei einem frisch verheirateten Ehepaar. Da stellt sich zunächst mal die Frage: Wollen wir Kinder? Gut, manchmal kommen Kinder auch ungeplant. Aber das ist eigentlich nicht wirklich so überraschend, wenn man das tut, was die Voraussetzung ist, um Kinder zu bekommen.
Bei einer Gemeinde ist das ganz ähnlich: Wenn sie im biblischen Sinne unterwegs ist, dann ist «Nachwuchs» nicht überraschend. Dann ist es eine natürliche Folge davon, dass Menschen von dieser Gemeinschaft angezogen werden.
Die Frage ist dann einfach, ob dieser Nachwuchs auch willkommen ist und Platz beanspruchen darf. Wer Kinder hat, der kennt das: Jedes neue Kind beansprucht seinen Platz und bringt die bisherige Familie ein Stück weit durcheinander. Und das kostet auch etwas, nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Nerven. Und dazu braucht es ein bewusstes «Ja», dass Kinder einen das kosten dürfen. Natürlich kann man auch sagen, dass Kinder eine Investition sind. Und zu einem gewissen Grad stimmt das ja auch. Aber die «Rendite» sollte auf keinen Fall im Vordergrund stehen!
Wenn sich dann Nachwuchs ankündigt, bereiten die Eltern das Kinderzimmer vor. Vielleicht räumen sie ein Zimmer frei, das zuvor Büro oder Bastelraum war. Eventuell ziehen sie in eine grössere Wohnung. Vielleicht schon im Voraus, im Vertrauen darauf, dass es mit dem Nachwuchs dann schon klappen wird, oder vielleicht erst dann, wenn es so weit ist und es wirklich zu eng wird. Aber auf jeden Fall heissen sie die Kinder willkommen. Und dazu braucht es weit mehr als nur einen Raum. Das heisst umgekehrt aber auch: Nur weil man ein Kinderzimmer hat, kommt nicht automatisch ein Kind zur Welt.
Wie ist das bei uns als Gemeinde? Wollen wir «Kinder»? Wollen wir neue Menschen in unserer Kirche? Wollen wir das nur theoretisch oder auch praktisch? Und was darf es uns kosten an Zeit, Geduld, Flexibilität, Geld, lieb gewonnenen Gewohnheiten?
Ostern bedeutet, dass ein neuer Bund begonnen hat. Dabei ist es ganz anders gekommen, als es die Jünger erwartet hatten. Sie mussten offen sein und Raum schaffen für etwas ganz neues. Auch in unserem Leben als Einzelne und als Kirche kommt es nicht immer so, wie wir es erwartet, gehofft oder befürchtet haben.
Sind wir für solche Veränderungen, solche Neuanfänge oder auch für solchen Nachwuchs immer wieder aufs Neue bereit?
Amen.