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Serie: Epheserbrief | Bibeltext: Epheser 4,1-6
Die ersten Verse im Kapitel 4 sind wie ein Scharnier vom ersten zum zweiten Teil des Briefes. Mit dem Wort «nun» zeigt Paulus an, dass er sich auf das Vorangegangene bezieht. Im ersten Teil (Kp 1-3) ging es ausführlich um unsere Identität in Christus, um unsere Berufung. Das greift Paulus nochmals auf: Die Berufung mit der ihr berufen seid. Damit stellt er nochmals die Verbindung her: Was ich jetzt gleich sagen werde, das steht auf der Grundlage, die ich euch im ersten Teil des Briefes erklärt habe. Epheser 4,1-6
Der Berufung würdig leben
Paulus fordert seine Leser dazu auf, dass sie der Berufung würdig oder entsprechend leben sollen. Die Berufung ist wie ein Stand, in den wir durch den Glauben hinein versetzt sind, als Kinder des Königs. Diesem Stand entsprechend sollen wir leben. Dazu nennt Paulus ein paar Stichworte.
Demut
Das erste ist Demut. Es bedeutet, sich richtig «einordnen», sich weder über andere Menschen noch über Gott erheben, sich nicht «aufplustern». Aber auf der anderen Seite auch nicht sich unterwürfig klein machen, sich immer weg ducken. Beides ist einem Königskind nicht würdig. Demut ist die richtige Gesinnung: Ich bin wertvoll und würdig, aber ich bin nicht Gott!
Wem das schwer fällt, dem kann der Blick aufs Kreuz eine Hilfe sein. Jesus war demütig und ist den Weg bis ans Kreuz gegangen, obwohl er sich locker dagegen hätte wehren können. Aber er wusste, dass es der Wille des Vaters ist, dass er diesen Weg geht. Und er ist den Weg trotz allem würdevoll gegangen. Auch am Kreuz war er sich bewusst, dass er Gottes geliebter Sohn ist und dass ihm diese Würde kein Mensch und auch die grausame Hinrichtung nicht nehmen kann.
Sanftmut
Ein zweites Stichwort ist der Mut zur Sanftheit. Man könnte sagen, wir sollen einander respektvoll mit Wertschätzung begegnen.
Gott ist uns gnädig – also sollen wir auch anderen gegenüber gnädig und barmherzig sein (vgl. Gleichnis vom Schalksknecht, Mt 18,21-35 par). Sanftmütig zu sein bedeutet nicht, dass man keine Meinung hat oder einfach allem und jedem zustimmen würde. Aber es bedeutet, dass ich mich z.B. nicht aufzubrausend verhalte.
Als Jesus vor Pilatus stand und von den führenden Juden unschuldig verklagt wurde, da blieb er total ruhig und beherrscht und eben sanft.
Geduld
Der dritte Punkt wird manchmal auch mit Langmut übersetzt. Das heisst «langsam zum Zorn». Im Hebräisch des Altentestaments ist es wortwörtlich sogar «eine lange Nase haben». Dahinter steckt die Vorstellung, dass wenn jemand richtig zornig ist, dass er dann eine heisse Nase bekommt. Wir kennen das eher im Sinne von einem roten Kopf oder dass jemand (durch die Nase) zu schnauben beginnt. Wenn jemand nun eine lange Nase hat, so wird die nicht so schnell heiss. Der Mensch wird also nicht schnell zornig.
Konkret kann das heissen, dass wir anderen Menschen und ihren Prozessen Zeit lassen. Wir alle wissen aus unserer eigenen Erfahrung, wenn ich mich oder mein Verhalten verändern will, dann braucht das Zeit, bis es wirklich greift. Diese Zeit dürfen wir dem anderen (und auch uns selber) lassen.
Auch Gott lässt sich Zeit! Das begann schon bei der Schöpfung – Gott hätte alles an einem Tag machen können. Aber er hat sich Zeit gelassen, sogar Zeit zum ausruhen! Und auch in seiner riesigen Geduld mit dem Volk Israel lässt sich Gott Zeit. Also dürfen, ja sollen auch wir miteinander Geduld haben.
Einander in Liebe ertragen
Die Liebe, die hier gemeint ist, ist die sich verschenkende, selbstlose Liebe, die nichts vom anderen erwartet sondern grosszügig gibt. Sie wird wunderschön beschrieben im Hohelied der Liebe (1.Kor 13)!
Paulus sagt: Ertragt euch! Er ist realistisch und weiss, dass nicht immer eitel Sonnenschein herrscht. Gerade weil der andere anders ist und anders denkt, ist es oft ein gegenseitiges ertragen.
Band des Friedens
Das Gegenteil von Einheit ist Spaltung. Damit nicht Spaltung geschieht, braucht es etwas, das zusammenhält. Paulus nennt es das Band des Friedens. Frieden halten bedeutet sich trotz Spannungen um Frieden zu bemühen und dem anderen gute Absichten unterstellen. Nicht einfach sich friedlich und höflich (friedhöflich) verhalten, sondern den Frieden Gottes suchen, welcher unser Verstehen übersteigt (Phil 4,7).
Einheit im Geist
«Uns eint mehr, als uns trennt.» Dieser Slogan ertönt oft, wenn eine Firma, ein Verein kurz vor dem Auseinanderbrechen steht, wenn man noch einen letzten Rettungsversuch macht. Aber wenn es nicht bloss eine leere Phrase ist, dann ist es eigentlich ein guter Punkt, dann ist sehr viel möglich.
Einheit bedeutet nicht Gleichheit, nicht Einheitlichkeit. Paulus ist sich bewusst, dass er zu ganz unterschiedlichen Menschen spricht, die aber – seit Pfingsten – durch den Heiligen Geist verbunden sind. Sie sind unterschiedlich, aber trotzdem verbunden.
Die Frage ist: «Was eint uns?» Paulus antwortet darauf in den Versen 4 bis 6.
Ein Leib
Das Bild vom Leib verwendet Paulus mehrfach für die Kirche. Im Kapitel 2 hat Paulus schon über die Einheit zwischen Judenchristen und Heidenchristen geschrieben. Nun erweitert er die Thematik. In der Gemeinde sind nicht nur Juden- und Heidenchristen, es sind auch Frauen und Männer, Sklaven und Freie zusammen (vgl. Gal 3,28). Trotz dieser grossen Unterschiede bilden sie gemeinsam einen Leib. Dieser hat verschiedene Glieder (Hand, Fuss, Nase, Ohren, Niere, …), die sehr unterschiedlich, aber gegenseitig aufeinander angewiesen sind (vgl. 1.Kor 12,14-21). Einheit in einem Leib bedeutet nicht Einheitlichkeit, nicht dass alle gleich sind.
Ein Geist
Wir haben alle den selben Heiligen Geist empfangen. Er verbindet uns zu diesem einen Leib. Er ist die Kraft, die in uns wirkt, oder zumindest wirken will.
Eine Hoffnung
Wir haben keine vage Hoffnung, sondern eine feste Zuversicht. Wir glauben an eine strahlend leuchtende Zukunft. Wir glauben, dass wir die Ewigkeit mit Jesus verbringen werden. Wir glauben, dass Jesus eines Tages sichtbar auf dieser Erde regieren wird. Diese Hoffnung gibt Kraft auch in den Schwierigkeiten und dem Leid des Alltags. Diese Zuversicht zeigt sich darin, wie wir heute anpacken.
Ein Herr
Unser Herr ist Jesus Christus. Er ist das Zentrum. Oder im Bild: Er ist das Haupt des Leibes. Wo dieses Zentrum fest steht, da ist an den Rändern viel Unterschiedlichkeit möglich. Wo jedoch nicht Jesus Christus als der gekreuzigte und auferstandene Herr im Zentrum steht, da gibt es auch keine Einheit, wie Paulus sie meint. Jesus ist unser gemeinsamer König. Uns verbindet, dass wir dem selben König dienen.
Ein Glaube
Glaube ist nicht eine vage Ahnung. Es ist ein «für wahr halten»: Ich bin überzeugt, dass die Botschaft von Jesus wahr ist. Glaube ist ein Bekenntnis (vgl. Römer 10,9-10). Glaube bedeutet aber auch Vertrauen: Ich vertraue mein Leben Jesus Christus an. Ich lege mein Leben in seine Hände. Ein gemeinsames Glaubensbekenntnis verbindet.
Eine Taufe
Die Taufe ist ein äusserlich sichtbares Zeichen, wie ein Siegel. Wir sind unterschiedlich, aber uns verbindet das eine Zeichen der Taufe.
Gott und Vater
Einmal mehr stellt uns Paulus Gott als den himmlischen Vater vor: Ein Gott und Vater aller. Wir sind also Geschwister. Freunde kann man sich aussuchen – Geschwister nicht. Geschwister können sich sehr ähnlich, aber auch sehr unterschiedlich sein.
über, durch, in allen
Und dann heisst es da am Schluss über Gott den Vater: der da ist über allen und durch alle und in allen.
Das Gott über allen ist, das leuchtet uns ein - er ist Herr über alle Menschen auf dieser Welt. Auch dass Gott in allen Gläubigen ist, das ist uns bekannt. Wenige Verse zuvor hat Paulus den Vater gebeten, dass Christus durch den Glauben in den Herzen der Gläubigen wohne (3,17).
Aber Gott will auch durch alle sein. Das heisst er will durch alle Christen wirken in diese Welt hinaus.
Wir sollen all das, was Gott uns schenkt,
- über uns halten: wir gehören zu etwas, das grösser ist als wir;
- in uns tragen: all dies will in uns leben;
- und durch uns weitergeben, wir laden unsere Mitmenschen durch unsere Worte und Taten dazu ein.
Amen.